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Eisige Abenteuer am Polarkreis rund um Bodø

Gerade wenn man beginnt zu glauben, man hätte schon alles gesehen, wird man mit einer präzisen Art und Weise eines besseren belehrt. Eigentlich hatten Benedikt Purner und ich das Thema Eisklettern und Norwegen nach dem dritten Besuch ruhen lassen wollen, um uns um neue Ziele umsehen zu können. Doch oft kommt es anders als man denkt. Eisklettern lebt im Moment, vor allem in dem Moment, wo gerade die besten Eisverhältnisse sind. Und so führten uns zahlreiche Informanten, welche mir - auf der ganzen Welt verteilt – mit Freude die aktuellen Verhältnisse vor Ort mitteilen, wieder einmal ins Land der Trolle, Elche und Eiszapfen. Norwegen ist sehr speziell, was die Eisklettermöglichkeiten angeht. Das sich in kürzester Zeit wandelbare Wettergeschehen bestimmt im Prinzip alle Aktivitäten. Es gibt grundsätzlich zwei konträre Varianten. Zum einen eine milde Südwestströmung, die dem Golfstrom die Möglichkeit eröffnet alles an Eis in nur wenigen Tagen vollkommen zu vernichten. Zum anderen eine Strömung aus östlicher Richtung, in der bei Nordostwind arktische Kälte, oder bei Ost und Südostwind kontinentale Kaltluft aus Russland die gesamten Wasserläufe Norwegens zum Gefrieren bringt. Innerhalb kurzer Zeit entstehen tausende, wenn nicht hunderttausende Eisformationen – die meisten davon eignen sich zum Eisklettern.

„Fyrtårn“ - der Leuchtturm, WI6+

Einer noch von der letzten Reise bekannter Lokal aus Norwegen, Sveinung Bertnes Råheim, gab die Information, dass in „seiner“ Gegend gerade optimale Verhältnisse vorzufinden sind und einiges an unberührtem Eis auf uns warten würde. Nach einigen unschönen Erfahrungen mit der warmen Wetterseite Norwegens buchten wir ziemlich spontan Ende Januar die Flüge nach Bodø. Ein paar Tage später standen wir zusammen mit Klaus Kranebitter am Polarkreis und holten unseren Jeep für die nächsten zehn Tage ab. Wie erwartet war es kalt, wieder einmal so kalt, dass einige offene Fjordbereiche in der klirrend kalten Arktisluft zu dampfen begonnen. Kein gutes Zeichen für warme Finger beim Eisklettern. Nach einem ausgedehnten Erkundungstag wussten wir am Ende schon gar nicht mehr, was wir alles gesehen hatten. Es war nahezu eine Überdosis an Eisformationen gewesen, die unsere wachsamen Augen im Laufe des Tages wahr genommen hatten. Klar war bereits das Programm für den nächsten Tag. In einem militärischen Sperrgebiet gelegen fanden wir einen ganz besonderen Eisfall. Nahezu vollständig senkrecht und mit schrägsten Eisstrukturen thront dieser Eisgigant über dem Sandstrand von Novika. Die Aussicht mit Blick zu den Lofoten sucht seinesgleichen und das Eismonster ist schon aus einigen Kilometern Entfernung eindeutig zu erkennen. Wir entschließen uns am Sonntag zu starten, mit der Hoffnung das norwegische Militär würde an diesem Tag etwas weniger wachsam sein. Angespannt wandern wir früh morgens über den skurrilen, eingefrorenen Sandstrand, mit der Erwartung wir würden jeden Moment entdeckt werden. Doch es passierte nichts. Lautlos setzen wir den Weg zum Eisgigant fort und kletterten den ganzen Tag, bei 67 Grad Nord ist dies nicht allzu lang, in dem Eismonster. Die eiskalte Arktikluft machte es uns auch nicht unbedingt leichter, die Finger streikten einige Male und forderten den obligatorischen Schreikrampf am Stand beim Auftauen. Kurz vor dem Einbruch der Dunkelheit kamen wir erschöpft, aber zufrieden zum Auto zurück. Erst später erfuhren wir, dass wir gerade eine Erstbegehung hinter uns gebracht haben. Unglaublich, dass so ein formschöner Eisfall noch nicht begangen wurde. „Fyrtårn“ (Leuchtturm) WI6+, zählt mit seinen 250 nahezu ständig senkrechten Klettermetern zu unseren absoluten Highlights unserer Tourensammlung.

Kurze, lange Tage im Norden Norwegens

Die Tage sind kurz im Norden Norwegens, und sie vergehen auch schnell. Vor allem wenn man alle Hände voll zu tun hat, die Ziele des Erkundungstages in die Realität umzusetzen. Der Tagesablauf entwickelt sich zu einem gewohnten Rhythmus – der Wecker läutet und alles läuft wie von einer Checkliste vorgegeben. Frühstück, trockene Sachen einpacken, ab ins Auto für 1-2 Stunden, Anmarsch zum Eisfall, meist 1-3 Stunden durchs norwegische Gestrüpp und Schwimmschnee, traumhafte Eislinie klettern, mit Klaus fotografieren was das Zeug hält, Abseilen, Rückmarsch, in der Dunkelheit zurück zur Hütte, Sachen trocknen, Abendessen und Discovery Channel schauen. Man bemerkt fast gar nicht, wie schnell die Zeit vergeht. An den darauf folgenden Tagen sind wir jeden Tag im Eis und uns gelingt eine Erstbegehung, nach der anderen. Es gibt zwar schon viele gekletterte Routen in Bodø, aber auch noch Unmengen an Potential für Neues. Wir beschränken uns auf Linien mit hohem Eisanteil und klassische Eisfälle. Unsere Routen werden von den einheimischen Kletterern als Erstbegehungen bestätigt und bekommen somit unsere Namen. Diese entstehen meist im Moment der Begehung und haben meist etwas mit der Route zu tun. Manchmal sind sie kreativ entwickelt worden, manches Mal fällt uns auch nicht viel dazu ein. Wir klettern den „Elkhighway“ WI4+ an der Südseite von Novika – dort wird Klaus beim Fotografieren vom Militär gestoppt. Es braucht all seine Überredungskünste, dass wir uns nicht vor der Militärpolizei rechtfertigen hätten müssen, was wir da eigentlich vorhätten. Ein Mann mit Kamera und Teleobjektiv ist halt im militärischen Sperrgebiet ein nicht gern gesehener Gast. Auch ein Gebiet mit kurzem Zustieg haben wir gefunden, nach etwa 40 min Zustieg klettern wir die beiden Einseillängen „Ha det bra“ M7 und „Nutcracker“ M7 an der Roadside von Ornes. Direkt in der Sonne und schon wieder mit deutlichen angenehmeren Temperaturen klettern wir „Geoglasur“ und „Milky exit“ WI5, 250m, in Innervik. Der Skjelstadfossen midten, WI5 war zwar keine Erstbegehung, dafür liegt in einem wunderschönem, typisch norwegischem Fjordambiente. Nach einem Gewaltsmarsch klettern wir „Men on wire“ WI5. Die Route liegt hoch oben, mitten in einer gigantischen Granitwand. Als Abschluss konnten wir noch den „Slettliflågfossen“ WI6 in Evjen erstbegehen. Mit wild zurklüfteten „Meereseis“ und satten 300m ist dieser Eisfall ein würdiger Abschluss unserer Reise in den Polarkreis Norwegens. Da wir immer noch lange nicht alles gesehen haben, wird es wohl nicht die letzte Reise zu den unbegrenzten Eisklettereien in Norwegen gewesen sein.

© 2015 Mag. Albert Leichtfried - Meteorologe - Bergführer - Extremkletterer
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